Träume
[Englischer Titel: Dreams...]


© 2001-03-24: Ann-Kathrin Kniggendorf
Dies ist eine erfundene Geschichte. Jedwede Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, tatsächlichen Orten oder Ereignissen gleich welcher Art sind rein zufällig und lagen nicht in der Absicht der Autorin.


     Ich träume – keine Träume, in denen man eine Straße entlang läuft, sich intensiv der Struktur der Pflastersteine bewußt, oder der Kreatur, die einen verfolgt; keine Träume, die am Morgen vergessen sind – nicht solche Träume.
     Ich träume Erinnerungen. Exakt. Präzise. Mit Details. Dinge, die man nicht vergißt. Niemals. Nicht einmal am Morgen nach dem Aufstehen, wenn man einer Prüfung in theoretischer Physik entgegensieht. Dinge wie...
     ...Missionen.
     Ja, ich glaube, ich träume von Missionen. Missionen, die nicht geschehen sind. Missionen, die ich nicht erlebt habe. Missionen, an die ich mich nicht erinnern darf. Aber ich erinnere mich – Momentaufnahmen, Augenblicke, Situationen ohne Verbindungen. Schnappschüsse. Fetzen von Gedanken, die mich erschrecken, weil sie nicht geschehen sein können. Unmöglich. Aber ich erinnere mich...

     ...ein Gebäude, aus Holz, einem Blockhaus ähnlich. Becher und Platten, ungeschickt aus Holz geschnitzt, auf den Tischen im grasbewachsenen Hof. Das Gras ist zertrampelt. Ich sitze in der äußersten Ecke, habe meinen Platz strategisch gewählt: an zwei Seiten von der zerrupften Hecke umgeben. Jenseits der Hecke verläuft die Straße zum Berg, der sich in meinem Rücken erhebt, um sich in engen Serpentinen an ihm hinaufzuwinden. Die Taverne dröhnt vom Lachen der Kreaturen, die sie bevölkern. Die meisten von ihnen tragen Uniformen, überwiegend grassgrüne, Moqaari- Kavallerie.
     Ein brauner Vierbeiner knabbert an den Blättern neben meinem in dunkles Leder gehüllten Arm. Es prustet auf meine Hand. Violette Augen mit gekreuzten Pupillen sehen mich an. Harmlos. Freundlich. Ein Moqaari.
     Shay zieht das Tier zurück auf die Straße zum Berg, Zeige- und Mittelfinger zusammengepreßt an die linke Schulter gelegt. Er hat die Information. Wir können zurück.
     Ein Signal. Es klingt wie die Hölzer eines Xylophons.
     "Da ist der Dieb!" Eine Kompanie Kavalleristen donnert an mir vorbei. Ihre Reittiere sind frisch, aber Shay ist bereits halb den Berg hinauf. Sein Moqaari hat ordentlich zu schleppen, er ist beinahe einen Kopf größer als ich, und sein Aussehen läßt auf seine Kraft schließen. Vor dem gelblichen Himmel, wirkt sein blasses Haar fast wie ein Fanal. Es wird eng werden.
     Die Kavalleristen in der Taverne laufen zu ihren an die Hecke gebundenen Tieren. Viergelenkige Finger deuten in meine Richtung. Keine Zeit mehr.
     Ich werfe mich durch die Hecke und fliehe, der Straße folgend, den Berg hinauf, bis die erste, tief eingegrabene Serpentine mich ihren Blicken entzieht, dann senkrecht den Abhang hinauf, wo mich die dunklen Büsche verbergen. Unter mir jagen Reiter an meiner Position vorbei. Ich verstecke mich in einer Auswaschung unterhalb der zweiten Serpentine, mein helles Gesicht und die Hände trotz des fauligen Gestanks im vermodernden Laub verbergend.
     Sie passieren über mir. Es wird still. Ich hebe den Kopf, als ich langsamen Hufschlag vernehme. Moqaari haben lange, schlanke, fast stakelige Beine, die in nahezu tricherförmige Hufe auslaufen. Wenn sie traben, klingt es immer, als wären sie kurz vorm Zusammenbrechen, aber sie sind erstaunlich schnell. Ich packe das kleine Mädchen am Bein und zerre sie aus dem Sattel.
     Es ist höchstwahrscheinlich das erste Mal, daß das Schwarze senkrecht den Berg hochgejagt wird. Es stolpert und keucht. Aber ich muß Shay erreichen, bevor das die Kavallerie tut. Dritte Serpentine. Vierte. Fünfte. Ich habe die Reiterei überholt, ihre schwergepanzerten Moqaari sind mit dem steilen Hang überfordert. Ich hab nie geglaubt, daß ich mich mal nach einem Gleiter sehnen würde, aber jetzt tue ich das. Das Schwarze ist jeden Moment am Ende.
     Ich sehe Shay neben der Hütte. Er ist bereits am Absitzen. Ich schnelle aus dem Sattel. Wir laufen. Da ist die Felsspalte. Meine Augen sind besser im Dunkeln. Ich springe voran in die Finsternis.
     Das technische Glühen des voreingestellten Transfers umschließt uns...

     ...das Fragment ist vorbei. Ich weiß nicht, wer Shay ist, was folgte, oder wie es begann. Ich habe keine Ahnung, für was für eine Information wir unsere Leben riskierten. Es ist mir verboten, mich zu erinnern. Aber ich erinnere mich, daß ich ihn kenne, daß wir Dinge wie diese unzählige Male durchstanden. Manchmal ist er da, wenn ich ankomme, erwartet mich mit einem verzerrten Lächeln, einer Umarmung, manchmal mehr, wenn wir die Zeit dafür bekommen...
     Manchmal bin ich es, die auf ihn wartet.
     Ich weiß dort, was ich hier bin, weiß es genau, erinnere mich präzise. Das ich noch zur Schule ging, wenn ich das erste Mal ankam und daß ich jetzt studiere. Mit seinem blondem Haar und den grünen Augen erinnert Shay mich an einen Trickfilmhelden, über den ich hier in meiner Freizeit Geschichten schreibe, obwohl er keine der Superkräfte hat, die jener fiktive Charakter besitzt. Ich habe es ihm einmal erzählt, in einem der viel zu seltenen friedlichen Momente, zusammen auf schwarzen Seidenlaken liegend, ein Glass blutroten Wein teilend. Und ich erinnere mich, wie er den Kopf aus vollem Halse lachend zurückwarf, und mich daran erinnerte, daß ich diejenige mit dem eisigen Zynismus und der Aggressivität sei. Und er hat Recht. Er ist es, der von uns Shakespeare zitiert, während ich eher dazu neige, ihm den ledergebundenen Wälzer mit den gesammelten Werken an den Kopf zu werfen, wenn er mir auf die Nerven geht...
     unsere Uniformen lagen auf dem Boden: meine schwarze verknäult mit seiner anthrazitgrauen. Ich habe den höheren Rank von uns beiden. Weniger Mitleid. Keiner von uns wollte aufstehen, als das Signal kam. Ich erinnere mich nicht mehr, wofür. Es ist untersagt...

     ...Schlammpfützen bedecken den breiten, kopfsteingepflasterten Weg. Von Zeit zu Zeit steigen Blasen durch die ölige Schicht auf ihrer Oberfläche. Windböen treiben Herbstlaub über den Pfad. Die Einheimische schlingt ihren fadenscheinigen Mantel enger um sich. Es ist kalt und feucht. Die niedrigen, zweistöckigen Fachwerkhäuser bieten nicht viel Schutz gegen den kalten Wind. Sie verläßt die Straße. Ich folge ihr. Der neue Weg ist nicht viel mehr als ein Trampelpfad einen der die Ansiedlung umgebenden Hügel hinauf. Eine der größten hier. Was nicht zuviel hieß.
     Wir erreichen die Kuppe, auf Ellbogen und Knien schiebe ich mich näher an den Abhang auf der anderen Seite heran. Mein Feldstecher steckt in einer alten Nylonsocke. Das Material kennen sie hier nicht, ich muß vorsichtig damit sein, es könnte mich verraten. Einerseits wird die Auflösung so reduziert, aber andererseits verhindert es zuverlässig Reflexionen des rötlichen Mittagssonnenlichts, die meine Position verraten könnten.
     Die Wesen, die hier leben müssen, tun mir leid. Das Gebäude am Ende der gepflasterten Straße besteht aus demselben grauen Stein wie der Weg selbst. Flach. Keine sichtbaren Fenster. Etwa so hoch wie zwei Erwachsene. Selbst das Dach besteht aus dem Stein – die Häuser der Siedlung sind primitiver, ihre Dächer nicht viel mehr als Schindeln mit Bitumen verklebt. Wenn es wärmer wird, müssen die engen Straßen entsetzlich nach dem Zeug stinken – okay, das Haus läßt sich aus der Luft leicht identifizieren. Gut. Möglichkeit eines Luftangriffs gegeben.
     Ein großes Tor zur Straße hin öffnet sich. Das laute Plärren von Trompeten mischt sich mit dem blutdürstigen Gebell zweier hundeartiger Wesen in dicht-geschuppter Rüstung. Oder gehören die Schuppen zu den Tieren selbst? Die Auflösung des Feldstechers ist zu schwach.
     Ich beobachte die Kavalkade, die den beiden Hundeführern in dichter Formation folgt. Als sie der ersten Kurve folgen, wird ihre Bewaffnung erkennbar. Nirrh! Sie sollten nur über durch von einer chemischen Reaktion hervorgerufenen Explosion, beschleunigte Projektile verfügen. Aber das da unten sieht Lasergewehren verdammt ähnlich! LGs! Keine Einschränkung der Reichweite außer der Sehschärfe des Schützen! Das ganze Problem ist ein Ende heikler als erwartet.
     Ich ziehe mich vom Abhang zurück. Ich habe genug gesehen. Die Einheimische ist noch da. Erstaunlich, daß sie es wagte zu warten...

     ...manchmal entdecke ich morgens Schrammen, beinahe verheilt, klein genug, um mit einer unbewußten Bewegung im Schlaf erklärt zu werden, genauso wie die paar blauen Flecken oder die gelegentlichen, dumpfen Muskelschmerzen, die man im allgemeinen auf "falsch gelegen" schiebt, aber die genauso gut die letzten Überbleibsel eines ausgedehnten Muskelkaters sein können.
     Keine größeren Verletzungen.
     Nur die Kratzer und eine schmale, blasse Narbe unter meinem Kinn, an deren Ursache ich mich nicht erinnern kann.
     Kleinigkeiten. Jede einzelne für sich genommen nicht ungewöhnlich aber trotzdem – seltsam.
     Vielleicht bin ich verrückt. Ich erinnere mich an Dinge, die nicht geschehen sind. Dinge, die nicht geschehen konnten.
     Aber ich erinnere mich.

A. Kniggendorf, 20010323